Eine Initiative der
Suizidprophylaxe
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Arbeitsgruppe alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm

Ausgangslage und Ziele

 

Alte Menschen sind eine Hochrisikogruppe für suizidale Gedanken und Handlungen. Über 65-jährige Männer und Frauen haben die höchsten Suizidraten von allen Altersgruppen. Es sind besondere physische, psychische und soziale Belastungen im Alter, die sich in wechselseitiger Verstärkung so zu Krisen zuspitzen können, dass Menschen nicht mehr leben wollen und sich das Leben nehmen. Medizinische und psychosoziale Einrichtungen sowie ambulante Hilfsdienste begegnen in ihrer Praxis häufig älteren Menschen in seelischer Not. Tatsache ist, dass Aktivitäten der Suizidprävention, die möglichst früh einsetzen sollten, ältere Menschen noch viel zu selten erreichen. Einseitige Altersbilder und weltanschauliche Positionen führen dazu, dass Suizide alter Menschen entweder scheinbar verständnisvoll toleriert oder moralisierend verurteilt werden. Dabei gilt es, die Suizidalität älterer Menschen ernst zu nehmen. Indem die individuellen Hintergründe des oftmals ambivalenten Sterbewunsches verstanden werden, kann eine angemessene Hilfe gefunden werden.

Diese Sachlage ist der Ausgangspunkt für die Initiativen und Aktivitäten der Arbeitsgruppe Alte Menschen, die seit 2002 ein fester Bestandteil des Gesamtprogramms ist. Sie hat sich Ziele auf mehreren Handlungsebenen gesetzt. Maßnahmen auf allen Ebenen sind wichtige Bausteine für die Optimierung der Suizidprävention im Alter.

  • Verbesserung von Information und Aufklärung sowie Bildungsarbeit für betroffene Berufsgruppen, Angehörige und alte Menschen zu Themen des Umgangs mit Altern, Lebenskrisen und suizidaler Gefährdung. 
  • Engagement in Bereichen der Sozial- und Altenhilfepolitik, um auf möglichst frühzeitige und präventive Strategien zur Krisenbewältigung im Alter hinzuwirken. 
  • Thematisierung existenzieller Fragen am Lebensende, die jeden betreffen und mit denen sich jeder Mensch schon frühzeitig auseinandersetzen sollte. In unterschiedlichen Begegnungsformen mit Älteren und ihren Helfern sollten solche Fragen thematisiert werden.
  • Zusammenarbeit mit und Nutzung von Medien, um die Akzeptanz und das Erreichen vorgenannter Ziele zu befördern und Vorurteile abzubauen.
  • Initiierung von und Beteiligung an Forschungsprojekten, wie z. B. zur Suizidalität bei besonders gefährdeten Personengruppen (Männer, Heimbewohner).

Suizidprävention und Krisenhilfe im Alter müssen zu einer notwendigen gesundheits- und versorgungspolitischen Aufgabe in unserer Gesellschaft werden. Bisher wurde dieses Anliegen in Deutschland vielfach vernachlässigt. Es geht dabei um ein abgestimmtes System von Hilfen der Akteure und Institutionen, die als Professionelle oder Ehrenamtliche alte Menschen in schweren Lebenskrisen begleiten. Dieses System muss stärker als bisher die existenziellen Anliegen alter Menschen am Lebensende adressieren. Die Suizidthematik ist eingebettet in übergreifende Fragen von Endlichkeit, Sterben und Tod. Der Suizid im Alter ist nicht nur Hilferuf oder Symptom, sondern manchmal auch Anklage gegen eine Welt, die das Alter abwertet und in der ein Weiterleben unter für den Einzelnen erträglichen Bedingungen nicht mehr möglich erscheint.